Gründe zu gründen: Verbraucherschützer startet FinTech

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Es gibt viele Gründe, ein neues Unternehmen ins Leben zu rufen. Manche dieser Gründe sind gut, andere weniger. Ob die anfängliche Idee und deren Umsetzung gut genug waren, stellt sich zumeist erst nach etlichen Jahren heraus, nämlich wenn sich der gewünschte Erfolg eingestellt hat. Ein Experiment, dem sich künftig auch Adrian Englschalk stellen wird. Der Verbraucherschützer und Finanzexperte unterstützt Verbraucher bereits seit einigen Jahren als Honoarberater bei der Verbraucherzentrale Niedersachsen. Ihm gehen die Ideen vieler der sogenannten FinTech-Startups nicht weit genug.

Gründe zu gründen: Verbraucherschützer startet FinTech
Viele FinTechs machen ihre Nutzer ungewollt zu Dirigenten zahlloser Einzellösungen. Nicht unerhebliche Risiken sind die Folge.

Auszug aus einem Interview
(Timo Wallner)

Adrian, Du berätst heute für die Verbraucherzentrale, wie bist Du dazu gekommen?

Das Interesse an Finanzen war tatsächlich schon sehr früh geweckt. Ich war glaube ich zwölf oder dreizehn Jahre alt, als die ersten Bücher über die Börse im Kinderzimmer rumflogen. Da war die Ausbildung in einer Bank fast vorprogrammiert.

Jahre später kannte ich dann fast jeden Zweig der Finanzwirtschaft. Das, was ich auf diesem Weg gesehen hatte, war mir dann aber doch zu weit vom Verbraucher entfernt. Der Spagat zwischen vertrieblichen Zielen und denen der Kunden läuft viel zu oft in die falsche Richtung.

Im aktiven Verbraucherschutz stehen die Ziele und Wünsche des Verbrauchers konkurrenzlos im Fokus, weshalb ich mich dort extrem wohl fühle.

In diesem Zusammenhang hast Du sicherlich auch mit FinTechs zu tun?

Ja, natürlich! Verbraucher sprechen zwar seltener über FinTechs, für sie sind es junge Unternehmen und frische Angebote, die aber inzwischen regelmäßig in der Beratung thematisiert werden. Die Herangehensweise der Verbraucher ist tatsächlich sehr interessant. Technologische Innovationen werden in den seltensten Fällen wahrgenommen, der Verbraucher konzentriert sich vielmehr darauf, wie sich die Dienstleistung oder das Angebot anfühlen. In meinen Augen der völlig richtige Weg.

Was fühlen denn die Verbraucher?

Wie bereits gesagt, viele stehen den Angeboten durchaus offen und wohlwollend gegenüber. Oft reicht aber der gebotene Mehrwert nicht aus, um einen Nutzer längerfristig zu begeistern.

Nach der Registrierung und zwei bis drei Anmeldungen kehren etliche Verbraucher vielen Angeboten wieder den Rücken, das konnte ich bislang beobachten. Schade eigentlich, aber in vielen Fällen durchaus nachvollziehbar.

Was heißt das genau?

Mir ist ein Verbraucher in Erinnerung, der vor einiger Zeit nicht mehr als sein Smartphone mit in die Beratung gebracht hat. Das ist eher selten, im Regelfall steckt zumindest noch der eine oder andere Ordner im Gepäck.

Wir haben uns schlussendlich durch vier oder fünf Apps gearbeitet und der Verbraucher kam sichtlich ins Schwitzen, ganz nach dem Motto „Ich bin mir sicher, ich hatte irgendwo mal eine Berufsunfähigkeitsversicherung gesehen.“ Eine App wusste nichts von den anderen parallel geführten Apps. So kam es auch dazu, dass ein recht teurer Kredit bei Bank A bequem mit Guthaben aus App B hätte abgelöst werden können. Das hätte eine Menge Zinsen sparen können.

Dieses Problem zieht sich durch nahezu alle Bereiche. Ich habe eine Lösung für mein Girokonto, eine für meine Versicherungen, die nächste App regelt meine Altersvorsorge und demnächst kümmert sich ein Roboadvisor um meine Geldanlage. Das ist, erlaube mir die deutlichen Worte, gefährlicher Mist! Der Nutzer wird zu einer Art Dirigent, der nun das Orchester aus zahlreichen Einzellösungen Beethovens 5. Sinfonie in Vollendung spielen lassen soll. Nicht gänzlich unmöglich, aber verdammt dicht dran.

Darf man das als ernüchterndes Urteil gegenüber FinTechs werten?

Absolut nicht! Aber den großen Fortschritt für den Otto-Normal-Verbraucher vermisse ich noch.

Es ist für viele Verbraucher schlicht unmöglich, seine Finanzen mittels fünf oder sieben Diensten in Eigenregie zu regeln. Das ist von Seiten des Verbrauchers nicht gewollt, der es bequem haben will und es auch bequem haben soll. Auch als Verbraucherschützer sehe ich das höchst kritisch. Der Spielraum für Fehler ist zu groß und rund um die privaten Finanzen können diese Fehler verheerende Folgen nach sich ziehen.

Die Angebote vieler FinTechs richten sich meines Erachtens eher an kleinere Nischen. Der breiten Masse fehlt der Quantensprung an Nutzen.

Und genau das möchtest Du ändern, was planst Du genau?

Geregelte Finanzen bedeutet, sich gegen Risiken abzusichern, die Altersvorsorge geregelt zu wissen und sich dann den schönen Dingen des Lebens zu widmen – den Wünschen und Zielen.

Und genau das ist mein Ziel, eine Komplettlösung. Aus vielen einzelnen Puzzleteilen wird ein Gesamtbild. Oder anders ausgedrückt: Alle Facetten der privaten Finanzen werden optimal aufeinander abgestimmt.

Zum Einsatz kommen dafür Rechenkerne und Algorithmen, die eine Art roten Faden durch die Finanzen spannen. Um bei dem Beispiel zu bleiben, der Nutzer muss nun nicht mehr zum Dirigent werden, er darf sich entspannd in die Reihen der Zuschauer begeben. Vibriert dann das Smartphone, warten Optimierungsvorschläge oder die Immobiliensuche darf beginnen, weil das nötige Eigenkapital soeben erreicht wurde.

Das hört sich nach einem monströsen Umfang an?

In der Tat dürfte sich hier die eine oder andere Zeile Programmiercode mehr wiederfinden, als bei anderen FinTechs. Die technische Umsetzung ist jedoch weitestgehend abgeschlossen und man kann sagen, der monströse Umfang hat sich definitiv gelohnt!

Damit ist der klassische Berater doch überflüssig?

Viele Verbraucher haben von Banken, Versicherungen und Finanzvertrieben die Nase voll. Hier wurde in den vergangenen Jahren eine Unmenge an Vertrauen schlicht vernichtet. Diese Personengruppe steht heute mehr oder weniger im Regen, denn nur wenige wissen mit den eigenen Finanzen richtig umzugehen. Es galt also eine Lösung zu entwerfen, die ohne jedwede Vorkenntis oder Expertise funktioniert. Komplexe Schritte immer weiter zu vereinfachen, so dass sie auch durch Laien verstanden und umgesetzt werden konnten, war eine der größten Herausforderungen.

Nun kam während der Umsetzungsphase aber eine weitere Personengruppe zum Vorschein. Es zeigte sich, dass bei Weitem nicht jeder Bank- oder Versicherungskunde seinem Berater kritisch gegenüberstand. Jeder zweite hatte den Wunsch, seine Finanzen zwar unabhängig mit unserer Lösung zu regeln, würde aber gern weiterhin in Kontakt zu seinem Berater bleiben. Ein wichtiger Impuls, der dazu führte, dass auch Berater Teil des Projekts wurden. Wir schließen also niemanden aus!

Der Ansatz steht in extremem Gegenteil zu vielen FinTechs, die eher auf Disruption setzen. Läuft der Nutzer nicht Gefahr, mit den altbekannten Interessenskonflikten zu kollidieren?

Für mich steht der Verbraucher im Fokus. Deswegen lassen sich unsere Rechenkerne und Algorithmen von involvierten Beratern weder justieren noch beeinflussen. Berater können sich sicher sein, dass die Endergebnisse unzweifelhaft sind. Wer dennoch für das eigene Portemonnaie berät, wird schnell entlarvt, der Nutzer umgehend informiert und vor Schaden bewahrt.

Das mag sich aus Branchensicht vielleicht etwas radikal anhören, ich spreche hier jedoch von nicht weniger als bewussten Falschberatungen. Der Großteil der Branche wird tendenziell durch unsere Unterstützung profitieren.

Ein Verbraucher, der rund um die Altersvorsorge verunsichert ist, hat vermutlich Angst, den falschen Abschluss zu machen. Damit ist weder dem Verbraucher noch der Branche gedient. Wir stellen ihm exakt und nachvollziehbar dar, wie er oder sie am optimalsten für das Alter vorsorgt. Damit dürfte der eine oder andere Abschluss künftig auch ein ganzes Stück leichter fallen und nicht von Vorbehalten überschattet werden.

Ich setze also eher auf eine gute Kooperation statt auf Disruption. Aber am Ende entscheidet immer noch der Nutzer, ob er seinen Berater einsetzt oder ersetzt.

Dabei dürften zahlreiche empfindliche Daten zusammenlaufen, wie werden die gesichert?

Es geht hier mitunter um die empfindlichsten Daten überhaupt. Wir haben uns von mehreren Seiten beraten lassen und dürfen behaupten, dass wir für die bestmögliche Sicherheit sorgen, die aktuell geboten werden kann. Hier werden wir auch fortlaufend am Ball bleiben.

Wem das noch nicht genug ist, für den wird es eine besondere Version unseres Tools geben. In dieser werden sämtliche Daten auf dem Endgerät des Nutzers gespeichert. Wer also große Angst um seine Daten hat, behält sie einfach.

Wie finanziert sich ein solches Projekt und wie wird es künftig monetarisiert?

Das Projekt ist bis heute vollständig aus Eigenmitteln finanziert worden. Das Ergebnis wird in wenigen Monaten veröffentlicht.

Ich habe noch unendlich viele Ideen, motiviert durch viele Ansätze aus meinem Beratungsalltag, die früher oder später das Projekt sinnvoll ergänzen können. Was zu welchem Zeitpunkt den Weg in die Umsetzung findet, entscheidet jedoch das Feedback der Nutzer. Ob langfristig auf Fremdkapital verzichtet werden kann, wird sich dann zeigen.

Fest steht, dass zu keiner Zeit und an keiner Stelle auch nur ein einziger Cent an Provision an uns fließen wird. Das würde für die Art von Inteteressenskonflikten sorgen, die ich als Verbraucherschützer kritisiere. Vom Nutzer freigeschaltete Berater sind hiervon selbstverständlich ausgenommen. Sie verdienen weiterhin am Abschluss, wenn ein Nutzer von uns mit einer Art Einkaufzettel ein Finanzprodukt abschließt. Da dieser Einkaufszettel nicht beeinflusst werden kann, ist ein Interessenskonflikt ausgeschlossen.

Wir finanzieren uns daher künftig über ein Abo-Modell. Die Kosten rangieren unterhalb der bekannten Video-Streaming-Plattformen und sollte somit für jedes Einkommensniveau tragbar sein. Selbst in unteren Einkommensklassen steht den aufgerufenen Beiträgen ein Vielfaches an wirtschaftlichen Vorteilen gegenüber.

Wo siehst Du Dich und Dein Projekt in einem Jahr?

In einem Jahr sind wir bereits einige Monate am Markt. Ich freue mich insbesondere auf das Feedback unserer Nutzer.

Adrian, Du hast angedeutet, dass Du bereits seit mehr als zwei Jahren an der Umsetzung arbeitest. Mit dem Wissen von heute, würdest Du es Dir noch mal anders überlegen?

Unter keinen Umständen! Dieses Projekt ist mir eine absolute Herzensangelegenheit. Ich habe mit der Umsetzung begonnen, lange bevor die Frage geklärt war, ob die Idee wirtschaftlich tragfähig ist. Letzteres hat sich glücklicherweise eingestellt.

Nun geht es nur noch darum, den Menschen bei der Absicherung existenzieller Risiken unter die Arme zu greifen, ein gigantisches bundesweites Altersvorsorgeproblem ein Stück weit in den Griff zu bekommen und ein Ziel nach dem anderen für unsere Nutzer zu erreichen.

Nichts anderes mache ich heute als Verbraucherschützer, mit einer Einschränkung: Ich kann lediglich einem Verbraucher pro Stunde helfen – künftig können wir, dank technischer Unterstützung, unendlich viele Ziele pro Stunde erreichen.

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